[MARK-Blog] » Interview mit Lando » 17.03.2017

„Es gibt relativ wenig große Egos.“

Abtanzen zu spacigen 8-Bit-Klängen, Nostalgie-Flash inklusive. Das war die Devise des ersten Chiptune-Festivals in Salzburg, das am 17. März 2017 im MARK stattgefunden hat. Denn wie der Name bereits verrät: Hinter Chiptunes verbirgt sich eine besondere Variante der elektronischen Musik. Alle Sounds werden hauptsächlich mit alten Spielekonsolen kreiert. Ludwig „Lando“ Leitner, der Initiator und Hauptact des Abends, verwendet dafür am liebsten einen wohlbekannten Klassiker – den Gameboy. Wir haben die Gelegenheit genutzt, um mit ihm über die Chiptune-Szene und seine ersten eigenen Schritte in diesem Genre zu sprechen. Natürlich interessierte uns auch, wie man selbst Musik mit einem Gameboy machen kann.

MARK: Hi Lando! Am Anfang natürlich die obligatorische Frage. Wie bist du überhaupt auf die Idee gekommen, dir mehrere Gameboys zuzulegen und damit Musik zu machen?

Lando: Damals ist das so gelaufen: Schlagzeuger weg, Freundin weg, Songs da. Was mache ich jetzt damit? Und meine Schlussfolgerung war: Du hast einen Gameboy und einen Nintendo 3DS. Probierst du halt, ob du da Schlagzeug oder so rauskriegst. Und das hat sich dann in die Richtung entwickelt, wo ich heute bin, dass ich mit mehreren Gameboys auf der Bühne stehe. Es war auch wirtschaftlich die einfachste Lösung. Ein Gameboy ist wesentlich billiger, als wenn man in den Laden geht und sich einen Synthesizer kauft. Außerdem liebe ich Hardware.

MARK: Hattest du schon immer eine Affinität zum typischen Gameboy-Sound?

Lando: Als jemand, der mit Gameboy und Nintendo aufgewachsen ist, natürlich ja. Aber ich war auch vom Standard-Gitarrensound übersättigt. Ich habe über fünfzehn Jahre in verschiedenen Bands gespielt. Da war alles dabei, was man sich vorstellen kann. Besonders experimentelle Rockmusik, aber auch Ska, Reggae, Metal und Jazz. Jetzt kann ich keine klassisch verzehrte Gitarre mehr hören. Also habe ich eine Alternative gesucht.

Lando bei seinem Auftritt bei „Chipalpin“ am 17.03.2017
Foto: Robert Markus

MARK: Die meisten von uns kennen Gameboys als tragbare Spielekonsolen, mit denen man sich früher in den Weiten der verschiedensten Pixelwelten verloren hat. Aber wie kann man damit Musik machen?

Lando: Das machen meine Kollegen und ich mit einem Musikprogramm namens Little Sound DJ (LSDJ). Das ist eine Software, mit der man früher auf alten Rechnern Songs komponiert hat. Die Ansicht geht von oben nach unten und die Timeline von links nach rechts. So wie man es von modernen Musikprogrammen her kennt. LSDJ habe ich wiederum auf einem speziellen Spielmodul drauf, das man über einen klassischen USB-Anschluss an den Rechner anstecken kann. Auf das Modul kann man alles speichern, was man möchte. Jedes Spiel oder Programm, das auf dem Gameboy funktioniert. Die Musik wird dann mit LSDJ direkt auf dem Gameboy selber programmiert.

MARK: Wenn du Tracks programmierst, wie viele Töne bekommst du aus einem Gameboy raus?

Lando: Gleichzeitig bekommst du bis zu drei Melodietöne und einen Voice-Kanal raus. Es sind also insgesamt vier Kanäle mit 4-Bit-Sound. Den Voice-Kanal verwende ich persönlich fast gar nicht. Aber dafür die drei Melodien. Das sind zwei Pulsweiten-Kanäle und ein Wave-Kanal.

MARK: Wenn dich jemand auf deinem Konzert besucht und dadurch Lust bekommt, selber Musik mit Gameboys zu komponieren, wie fängt er (oder sie) am besten an?

Lando: Der beste Tipp ist, auf YouTube und Google nach Chiptune- oder LSDJ-Tutorials zu suchen. Es gibt massenweise davon. In der Szene ist ein riesiger Rückhalt und alle unterstützen sich gegenseitig. Wenn man irgendwelche Fragen hat, schreibt man am besten in den entsprechenden Facebook-Gruppen oder Foren. Dort gibt es immer eine Antwort. Und dann sollte man einfach loslegen. Vielleicht besorgt man sich noch einen Emulator, wenn man kein Gameboy-Modul daheim hat. Das geht ebenfalls. Man braucht nicht zwingend einen Gameboy, um Chiptunes zu machen. Aber darin besteht natürlich der Reiz, mit echter Hardware auf der Bühne zu stehen. Das beste Einsteigermodell ist übrigens immer noch der gute alte Graue. Der hat einfach am meisten Bassreserven und lässt sich relativ leicht modden. Für mehr Lautstärke und solche Spielereien.

MARK: Du hast bereits die Szene angesprochen. Ist Chiptunes eigentlich ein reines Internetphänomen oder gibt es auch eine lokale Szene?

Lando bei seinem Auftritt bei „Chipalpin“ am 17.03.2017
Foto: Robert Markus

Lando: Es gibt schon gewisse Länder und Städte, in denen sich lokal etwas tut. In Tokio, London und Schweden zum Beispiel. Aber ja, im Großen und Ganzen ist die Szene vor allem im Internet aktiv. Also mehr global als lokal. Man ist da weltweit vernetzt. Und sie ist eher klein. Jeder kennt jeden und es geht sehr familiär zu. Es gibt relativ wenige große Egos.

MARK: Siehst du Chiptunes als Spielart von elektronischer Musik oder ist es ein eigenes Genre?

Lando: Meiner Meinung nach kann man Chiptunes nicht als klassisches Genre definieren, weil es viele Genres musikalisch bedient. Es gibt Chiptunes-Bands, die Metal machen. Es gibt welche, die klassischen Electro machen. Oder Swing! Eine japanische Band hat jetzt ein Chiptunes-Swing-Album rausgebracht. Klar, warum nicht? Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt.

MARK: Apropos, du hast im Frühjahr 2016 dein erstes Album veröffentlicht. Darauf kann man neun deiner mit dem Gameboy programmierten Songs hören…

Lando: Ja, „Machine Man“. Die Scheibe ist – wie immer – leicht thematisch, mit Weltraum & Co. Das zieht sich bei mir so durch. Der Hintergedanke bei dem Album war, den Menschen und seine Beziehung zur Technologie in den Mittelpunkt zu rücken. Außerdem habe ich versucht, einen Sound zu schaffen, der für mich spricht und nicht so leicht kopierbar ist. Hier konnte ich mich ein bisschen selbst verwirklichen. Bei meinen kommenden Werken möchte ich versuchen, noch mehr Konzept reinzubringen.

MARK: Wie sieht eigentlich dein Publikum aus, wenn du irgendwo auftrittst?

Lando: Das ist wirklich sehr bunt gemischt. Am begeistertsten sind immer die Leute, die vorher noch nie etwas von der Szene gehört haben und zuerst gar nicht wissen, dass die ganze Musik vom Gameboy kommt. Da gibt es nach dem Konzert immer den großen ‚Aha‘-Effekt. „Ernsthaft? Wirklich?“ – „Ja, wirklich!“ Ansonsten sind oft Gamer darunter. Aber generell vor allem Fans von elektronischer Musik.

Foto: Robert Markus

MARK: Bist du selbst noch ein leidenschaftlicher Gamer?

Lando: Gamer bin ich besonders im Herzen. Neben Vollzeit-Job und Musik bleibt leider wenig Zeit zum Zocken. Ich habe das neue Zelda daheim, doch ich konnte es bisher nur kurz anspielen. Normalerweise wäre ich schon längst durch! Ich habe aber mal ein Cover von einem Zelda-Song gemacht. Lange ist es her. Allerdings sehr schlecht, also bitte nicht anhören! Ich habe nichts erwähnt! Ihr wisst nichts von einem Cover! (lacht)

MARK: Dann vergessen wir das natürlich sofort wieder! (lacht) Vielen Dank, Lando!

 

  • Interview von Robert Markus und Alexander Schmidt

 

Falls ihr Lando verpasst habt, könnt ihr euch hier über seine kommenden Auftritte informieren. Dort findet ihr auch einige Tracks zum Nachlauschen!

Mit dabei beim Chip Alpin waren außerdem Thomas „Gampoy“ Gamper (Linz, Österreich) und Hannes „IRQ7“ Fertala (Nürnberg, Deutschland). Für stimmungsvolle Bilder zum 8-Bit-Sound sorgte VJ Benjamin „Mandelbrot“ Kieninger.

Die Veranstaltung wurde von den Indie-Spieleentwicklern „Retroguru“ und der Salzburger Jugendorganisation „Akzente Salzburg“ unterstützt.

Falls ihr Lust habt, selbst mal einen Beitrag oder Fotos von einer Veranstaltung für den MARK-Blog zu verfassen, meldet euch doch! (presse@marksalzburg.at)

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